BITTER LEMON

Wolfgang Rüger: Was ich als Verleger will (1989)

 

 

 

Bitter Lemon soll innerhalb kurzer Zeit einen repräsentativen Querschnitt durch die aktuelle deutschsprachige, subkulturelle Literaturszene geben, ohne Rücksicht auf kommerzielle Gesichtspunkte. Ich will Autoren verlegen, die entweder nirgendwo anders verlegt werden, weil sie gegen alle augenblicklich herrschenden Zeitströme schwimmen oder weil sie noch von niemand anderem entdeckt worden sind. So wird Bitter Lemon zwangsläufig zu einem Forum, auf dem sich Autoren zweier Generationen begegnen: solche, die bereits seit zwei Jahrzehnten der Szene angehören (Ploog, Salzinger, Hübsch, Rygulla, Böhmer, Derschau), aber nicht die ihnen gebührende Beachtung finden, und solche, die gerade erst mit ihren ersten Arbeiten die Szene betreten haben.

 

Bei Ernst Jünger habe ich eine Stelle gefunden, die mir programmatisch sehr schön mein Konzept umreißt: „Nun sind wir im Unvermessenen. Hier ist die Sicherheit geringer, bei größerer Hoffnung auf Ausbeute. ‚Holzwege‘ ist dafür ein schönes sokratisches Wort. Es deutet an, daß wir abseits der festen Straßen uns befinden und innerhalb des Reichtums im Ungesonderten. Daneben schließt es die Möglichkeit des Scheiterns ein.“

 

Ich mag Geschichten, die etwas mit dem prallen Leben zu tun haben, Geschichten, die Alltag vermitteln und von wirklichen Menschen erzählen, Geschichten, die politisch Farbe bekennen, auf Seiten der Unterdrückten und Unterprivilegierten stehen. Ich mag kein Zeitgeistgeschwafel. Ich will Abenteuer, Sex und Rebellion. Die Texte sollen Mut machen, Regeln und Tabus verletzen, Horizonte aufreißen und Utopien entwerfen. Ich will eine Literatur verlegen, die mich entweder gut unterhält (und gleichzeitig über real existierende Zustände informiert), oder auf sprachlicher, stilistischer und inhaltlicher Ebene neue Wege geht. Ich möchte mit Rolf Dieter Brinkmann sagen können: „Ich sah glänzende Filme, wilde, bewegte Bilder, ein rasantes, reißendes alltägliches Leben.“

 

Ich behaupte, gute Literatur wird immer ihre Leser finden, auch wenn ich eine Sache in den zurückliegenden Jahren schmerzlich lernen mußte: als Kleinstverleger kann man (in der Regel) keine Bestseller schaffen. Die Gründe dafür fangen mit dem mangelhaften Vertrieb an und hören mit der Ignoranz der Konsumenten gegenüber Kleinverlagen auf. Meine Konsequenz daraus mag elitär und arrogant anmuten, aber dazu stehe ich: ein großes Publikum interessiert mich heute nicht mehr. Ich mache bewußt winzige Auflagen, spekuliere ganz explizit auf eine kleine Gruppe von Insidern und Liebhabern. Das Publikum, das mich heute interessiert und für das ich Bitter Lemon mache, hat Hans Magnus Enzensberger in einem seiner Essays folgendermaßen charakterisiert: „Das wahre, das eigentliche Publikum, eine Minderheit von zehn- bis zwanzigtausend Leuten, die sich nichts vormachen lassen -, dieses Publikum hat sich vom Kasperletheater der großen Medien längst abgekoppelt; es bildet sich sein Urteil unabhängig vom Blabla der Rezensionen und der Talkshows, und die einzige Form der Reklame, an die es glaubt, ist die Mundpropaganda, die ebenso kostenlos wie unbezahlbar ist.“

 

Bei einer Auflage von 100 Exemplaren bin ich nicht angewiesen auf einen professionellen Vertrieb, kann ich verzichten auf Rezensionen und Protektionen. Diese Auflage zu verkaufen, ist für mich lediglich eine Frage der Zeit. Und Zeit habe ich jede Menge, weil ich weder von dem Verkauf von Bitter Lemon leben will, noch muß.

 

Mit diesem Konzept bin ich ein vollkommen unabhängiger Produzent, ich stehe unter keinen Sachzwängen, brauche keine Rücksichten zu nehmen und keine Kompromisse einzugehen. Bitter Lemon kann also, wenn ich das Zeug dazu habe, eine ehrliche, spannende und qualitativ hochwertige Sache werden.

 

Und wo liegen die Vorteile für den Autor? Mein oberstes und vorrangigstes Anliegen ist, ihm durch mein Engagement ein Gefühl von Wert und Würde zu geben. Ich finde, es gibt nichts Erniedrigenderes für einen Autor, als nicht gedruckt zu werden. Und gleich danach kommt, ausgebeutet und/oder als Nummer behandelt zu werden. Bitter Lemon kann mit Sicherheit keinen Autor berühmt machen, aber ihm wenigstens ein bißchen den Rücken stärken, ihm vielleicht so viel Mut und Kraft geben, daß er unverdrossen sein Ding weitermacht und ihm im glücklichsten Fall als Sprungbrett dienen. Es ist nach wir vor Tatsache, daß die cleversten Lektoren in den Großverlagen die Kleinverlagsszene sehr genau im Auge haben und sich zu gegebener Zeit an Land ziehen, was sich lohnt. Bitter Lemon möchte dahin kommen, daß es als Sprungbrett ernst genommen wird.

 

Bitter Lemon wird durch Aufmachung und Ausstattung einmalig. Jedes Heft wird von Walter Hartmann individuell gestaltet. Der Frankfurter Fotograf Harald H. Schröder macht in der Regel das exklusive Autorenporträt, von dem ein Originalabzug in jedes Heft eingeklebt wird. Mindestens ein Teil der nummerierten Erstauflage wird vom Autor handsigniert, diese Exemplare gelangen vorrangig in den Besitz von Abonnenten.

 

 

„Man hat uns auf die Bühne des Lebens gestoßen, damit wir für einen Augenblick unseren Platz im Scheinwerferlicht einnehmen, damit wir uns an diesen Blumen erfreuen und an dieser Frühlingsbrise, die – oder bilde ich es mir ein? – nach Limonen schmeckt, nach Limonenblüten.“

 

Lawrence Durrell in „Bitter Lemons“