FLORIAN GÜNTHER

Mir kann keiner

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Starker Tobak – 62 neue Gedichte von Florian Günther

 

Florian Günther, Jahrgang 1963, stammt aus Berlin-Friedrichshain, wo er auch heute noch lebt und mit seinen Gedichten zum Chronisten alltäglicher Beobachtungen und Gefühlszuständen geworden ist. Als „einsamer Wolf“ durchstreift er den Kiez, der sich in den letzten 20 Jahren stark verändert hat. Natürlich bedient Günther Klischees vom trinkfesten Lyriker, vom egoistischen, nie verstandenen Liebhaber auf der untersten Stufe der proletarischen Leiter – aus dem Grunde ist Friedrichshain bei den Westdeutschen auch so beliebt, denn hier spielt für sie das wahre Großstadtleben. Allerdings sieht Günther das wesentlich „nüchterner“ – wenn man das so sagen kann – und er weiß, weshalb das Leben kein Ponyhof ist, selbst wenn er versucht eben diese Klischees zu korrigieren, z. B. durch ein beigefügtes Interview. Sicher rücken ihn seine Gedichte in die Nähe eines Charles Bukowski, aber dieser Vergleich zeugt doch eher von Bildungs- und Hilflosigkeit derjenigen, die diesen Vergleich strapazieren.

Günthers Gedichte sind Momentaufnahen, kleine Kiezgeschichten, Gehörtes und Erlebtes aus einem sich verdammt schnell verändernden Universum zwischen ostalgischem Trotz und einem Universalismus, der mitunter nur bis in den Harz oder um die Ecke nach Neukölln führt. Seine Hommage an Arthur Rimbaud („Merde pour la poésie) lassen Richtungen erahnen, wenn es darum geht, warum ein Berliner Pilsener einem Warsteiner vorzuziehen ist.

Dieser sechste Band mit Gedichten von Florian Günther bietet eine breite Palette, wie etwa der Erklärung des Unterschiedes von witzig und humorig in „Ein Anlaß findet sich immer“, Politisches wie in „Oktoberfest“, von Dichterqualen in „Schein und sein“ oder eben das pure Leben in „Und komm mir bloß nicht so“. Günther beharrt auf seiner eigenen Sichtweise, auch gegen seine eigene Imagebildung, wenn der harte Kerl eben auch durchaus fähig ist, schlichte und schöne Liebeserklärungen zu machen wie in „Ottilie“ oder „Am Limit“. Dies wird er unter Umständen nicht gerne hören, scheint er doch Erich Fried als Kollegen nicht zu mögen, wenngleich das Niveau der Hausfrauen- und Ergriffenheitslyrik von anderen wesentlich tiefer gelegt als von Erich.

Günther bleibt nicht nur seinem Kiez und den Underdogs treu, weil es mitunter Mode ist, sich hier zwischen zu siedeln: Es ist sein Kiez, dort ist er groß geworden und Neukölln liegt schon am anderen Ende der Stadt. Seine Jugendeindrücke, in „Straßenköter“ verarbeitet, bedeutet vor allem, in einem grauen Alltag mit zerschossenen Häuserfassaden zu leben – im Winter riecht es nach Kohlen, im Sommer nach Teer. Heute ist vieles schick gemacht worden, aber für Florian Günther haben sich nur die Dialekte der Zugezogenen geändert. Lokalpatriotismus ist überlebensnotwendig wie in den Gedichten „Willy“, „Ein Opfer der Evolution“ oder „Krüppel“. Es zieht ihn nicht in die Welt, um die Ecke herum ist Welt genug, und sein Universum macht schon genügend Probleme, wozu also irgendwo rumsitzen, wo es unter Umständen nicht mal Berliner Pilsner gibt, sondern im schlimmsten Fall Warsteiner?

Wenn heute rumgejammert wird, dass niemand mehr Gedichte lesen würde, dann steht dem entgegen, dass es zahlreiche gute Veröffentlichungen gibt, wozu auch dieser Band gehört. Thomas Kapielski schrieb in seinem Nachwort – typischerweise – nur einen Satz: „Das Buch ist gut!“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Sehr empfehlenswert.

 

(JOCHEN KNOBLAUCH)

 

 

Edition Lükk Nösens 2009 | Nachwort Thomas Kapielski | 96 Seiten | Paperback | 20 x 13 x 0,8 cm