PARIA

Paria ist Geschichte, hat schon vor vielen Jahren seine Publikationstätigkeit eingestellt. Trotzdem ist fast alles noch lieferbar. Das Nachfolgende ist Dokumentation einer Zeit, die so nicht mehr wiederholbar ist.

 

Wenn du 1959 rothaarig in der hohenlohischen Provinz geboren wirst, ist das Außenseitertum vorprogrammiert. Bis zum Ende der Grundschule löste ich die Schikanen handgreiflich. Auf dem Gymnasium fand ich dann die Lösungen in der Bibliothek der Schule. Von da an war die Liebe zu den Büchern die einzige Konstante in meinem Leben. Und wie viele Pubertierende mit Problemen habe ich mit dem Schreiben angefangen und Gleichgesinnte um mich geschart. Folge davon war ein Buch und ein Verlag dafür: Paria.

 

Namensgeber war Erich Mühsam, der 1911 in seinem „Appell an den Geist“ schrieb: „Paria ist der Künstler, wie der Letzte der Lumpen! Wehe dem Künstler, der kein Verzweifelter ist! Wir, die wir geistige Menschen sind, wollen zusammenstehen – in einer Reihe mit Vagabunden und Bettlern, mit Ausgestoßenen und Verbrechern wollen wir kämpfen gegen die Herrschaft der Unkultur! Jeder, der Opfer ist, gehört zu uns! Ob unser Leib Mangel leidet oder unsere Seele, wir müssen zum Kampfe blasen! – Gerechtigkeit und Kultur – das sind die Elemente der Freiheit! – Die Philister der Börse und der Ateliers, zitternd werden sie der Freiheit das Geld räumen, wenn einem der Geist sich dem Herzen verbündet!“

 

1982 kehrte ich Hohenlohe für immer den Rücken und zog nach Marburg. Im universitären Milieu und im Schatten von Jürgen Schöneich und Anna Rheinsberg reifte ich dann allmählich zum Verleger. Mit Gleichgesinnten gründete ich diverse Literaturzeitschriften und veranstaltete Lesungen im Cafe des Buchladens Roter Stern. Eingeladen haben wir praktisch jeden, der damals Rang und Namen hatte im literarischen Underground: Jürgen Ploog, Hadayatullah Hübsch, Helmut Salzinger, Hans Herbst, Uli Becker und und und. Da wurde der Grundstock gelegt für die spätere Bitter Lemon Reihe.

 

1985 wechselte ich an die Uni in Frankfurt am Main. Endlich Großstadt. Endlich Geld für die eigenen Texte. Parallel zur Uni arbeitete ich für diverse Stadtzeitschriften und stieg schnell zum leitenden Feuilletonredakteur beim Auftritt, später Journal Frankfurt, auf. Meine Position ermöglichte mir, die Autoren um mich zu scharen, mit denen man ein außergewöhnliches Feuilleton machen konnte. Ploog und Hübsch schrieben regelmäßig, junge Talente wie Thomas Hettche, Jamal Tuschick und Patrick Roth verdienten sich hier ihre ersten Lorbeeren.

 

1987 veranstaltete ich zusammen mit dem Verein 707 „Polytexte – The words meet the objects“, ein Literaturfestival, das u.a. Kathy Acker, John Cage, Oskar Pastior, Ploog, Peter Weibel, Albert Oehlen, Martin Kippenberger präsentierte. Aus dieser Erfahrung resultierte die Idee, auf nationaler Ebene zwei Generationen experimenteller Literatur zu vereinen. Mit Hadayatullah Hübsch zusammen rief ich die 60/90-Bewegung ins Leben. Für wenige Jahre war das fast so etwas wie die Gruppe 47 des deutschsprachigen Undergrounds.

 

Publizistisch begleitet wurde diese Bewegung durch meine Bitter Lemon Edition. Das regelmäßige Einkommen als Journalist erlaubte es mir, ohne Rücksicht auf den Markt, Autoren zu verlegen, die die Gegenstimme zum etablierten Literaturbetrieb darstellten. Die Heftchen-Reihe fand dann im Laufe der Zeit viele Nachahmer. Zur viel bewunderten Perfektion brachte es Armin Abmeier mit seinen „Die tollen Hefte“. Er schrieb damals im BuchMarkt: „Jetzt müßte noch unbedingt ausführlich ein Gong verbeult werden für … diesen nachmärzlich hochschrammenden Paria in Frankfurt/Main.“

 

Nach fast zehn Jahren Journalismus warf ich praktisch über Nacht alles hin. Durch Vorgaben von oben war das Feuilleton, wie ich es mir vorstellte und ich es jahrelang gemacht hatte, nicht mehr möglich. Mit Aushilfsjobs hielt ich mich über Wasser. An subventioniertes Verlegerdasein war da nicht mehr zu denken. In meiner Freizeit schrieb ich drei Bücher, die aber – mit einer Ausnahme zu Recht – keiner verlegen wollte, und arbeitete beharrlich an der Verwirklichung des nächsten Lebensabschnitts: der eigene Buchladen.

 

Im Oktober 1999 war es dann soweit. Ich eröffnete mein eigenes Antiquariat. Zwar mit breitem Angebot, aber mit den alten Schwerpunkten: Literatur, Beat, Underground. Unverdrossen bin ich weiterhin im unermüdlichen Einsatz für das gedruckte Buch. Vielleicht habe ich die Seiten gewechselt, wie mir mancher vorwirft, aber die Liebe zum Buch und zu den alten Weggefährten ist geblieben.

 

www.antiquariat-rueger.de